| Kommentar |
Schon mal den Begriff "Extraktivismus" gehört? Wer nicht, lernt ihn in diesem kunstwissenschaftlich perspektivierten Seminar von zahlreichen Seiten kennen und verstehen. Doch auch, wer schon weiß, dass es sich hier um einen Überbegriff für bestimmte Formen der (terrestrischen) Ressourcen-Ausbeutung - meist bezogen auf Praktiken der frühen europäischen Industrialisierung bis hin zum gegenwärtigen globalen Spätkapitalismus - handelt, lernt in dieser Veranstaltung einen vertiefenden, transkulturellen Blick darauf kennen.
Ausgehend von einer gründlichen Begriffsbestimmung und ihrer diskursiv wie geografisch verflochtenen Verortung in den ersten vier Sitzungen, werden wir uns anschauen wie Künstler:innen das Thema verhandeln und seine planetare Relevanz multisensorisch erfahrbar machen. Der Fokus liegt auf Bewegtbild-Arbeiten und -Installationen, die häufig jene Orte aufsuchen, an denen sich historisch wie aktuell die menschengemachte Ausbeutung von Kohle, Öl, Lithium oder anderen begehrten Rohstoffen abspielt. Viele dieser Arbeiten nutzen die affektive Ambivalenz, welche Nah- und Fernaufnahmen dieser visuell und technologisch spektakulär "aufgerissenen", technologisch wie artifiziell "transformierten" und - ökologisch betrachtet - lebensfeindlich-toxisch gewordenen "Landschaften" bei den Betrachtenden auslösen. In der zusammenhängenden vielstimmigen Theoriebildung (s. Literaturauswahl), die mit dem so umstrittenen wie viel zitierten Stichwort "Anthropozän" nur grob umschrieben und verbunden ist, bildet der Diskurs zum Extraktivismus mittlerweile ein sehr lebendiges, abgrenzbares eigenes Feld. Seine Umrisse und prominenten Protagonist:innen werden wir uns daher genauer anschauen.
Wir untersuchen dabei nicht nur, welche Akteur:innen, welche menschliche Faktoren im Verhältnis zu welchen materiellen Faktoren, welche Handelsrouten/-netzwerke und welche imperialen und kolonialen Machtverhältnisse den globalen Extraktivismus historisch hervorbringen halfen und heute kennzeichnen. Wir fragen auch inwiefern dies von wo und wie situierten Künstler:innen heute ästhetisch reflektiert wird:
- Gibt es hier nicht nur künstlerische "Antworten" auf den Extraktivismus, sondern kritisch-aktivistische "Interventionen", also ein auf bestimmten Ebenen - gesellschaftlich, ökonomisch, materiell - wirksames Eingreifen oder gar Einschreiten gegen die mächtige und foranschreitende Ressourcenausbeutung?
- Wenn es sie gibt, mit welchen Narrativen und ästhetischen Strategien arbeiten Künstler:innen, gerade wenn bzw. obwohl sie selbst Teil extraktivistischer Konsumgesellschaften sind?
- Welche Formen planetarischen Denkens werden in bestimmten künstlerischen Arbeiten sichtbar - gibt es Werke, in denen eine "andere" Art des (modernen) Wissens und Seins auf der Erde greifbar wird?
- Welche Rolle spielt die Zusammenarbeit bzw. das Bewusstsein für nicht-menschliche oder mehr-als-menschliche Aktant:innen/Akteur:innen in diesen Werken?
Wir analysieren dazu eingangs exemplarische Filme von Mia YU (VR China), Theo Jean Cuthand (Kanada) und weiteren zeitgenössischen Künstler:innen.
Zu den BN-relevanten Leistungen gehören wöchentlich, schriftlich einzureichenden Kurzreflektionen zur Pflichtlektüre. So informiert und mit einem breiten Korpus an möglicher Literatur ausgestattet, begeben sich die Seminarteilnehmenden dann angeleitet, aber zunehmend eigenständig auf die Suche nach interessanten Fallbeispielen, zu denen sie im zweiten Teil des Seminars ein individuelles mündliches Referat halten (BN-relevant) und - falls eine AP angestrebt wird - das Thema durch Ausarbeitung in einer schriftlichen Hausarbeit vertiefen können.
Geplant ist, dass wir im Rahmen des Seminars auch zwei Gastvorträge von Kunsthistoriker:innen aus der Region hören, die Expert:innen für das Thema Extraktivismus in der Kunst in transkultureller Hinsicht sind und dazu in deutschen wie japanischen Kontexten forschen.
Ferner wird zu Beginn des Seminars noch bekannt gegeben, ob wir eine Exkursion nach Essen in die Zeche Zollverein und/oder eine Exkursion in eine geeignete Düsseldorfer oder Kölner Ausstellung mit Exponaten zum Thema bewerkstelligen können. Diese Exkursionen werden voraussichtlich nicht bezuschusst - es fielen ggfs. regionale Fahrtkosten und Eintrittskosten an.
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| Literatur |
Literaturauswahl zur Einstimmung:
Acosta, Alberto; Brand, Ulrich (2019): Krise und Vertiefung des Extraktivismus. Konturen und Alternativen. In: Ramirez, Martin; Schmalz, Stefan (Hg.): Extraktivismus. Lateinamerika nach dem Ende des Rohstoffbooms. München: oekom verlag, S. 193-212.
Andermann, Jens (2023): Entranced Earth. Art, Extractivism, and the End of Landscape. Evanston: Northwestern University Press.
Arboleda, Martín (2020): Planetary Mine: Territories of Extraction under Late Capitalism. London, New York: Verso.
Chagnon, Christopher; Hagolani-Albov, Sophia E.; Hokkanen, Saana (2021): „Extractivism at Your Fingertips“. In: McNeish, John-Andrew; Shapiro, Judith (Hg.): Our Extractive Age. Expressions of Violence and Resistance. London, New York: Routledge, S. 176-188.
Gudynas, Eduardo (2021): Extractivisms: Politics, Economy and Ecology. Halifax: Fernwood Publishing.
Sankey, Kyla (2014): „Colombia: The Mining Boom: A Catalyst of Development or Resistance“. In: Veltmeyer, Henry; Petras, James (Hg.): The New Extractivism. A Post-Neoliberal Development Model or Imperialism of the Twenty-First Century? London, New York: Zed Books, S. 114-143.
Serafini, Paula (2022): Creating Worlds Otherwise. Art, Collective Action, and (Post)Extractivism. Nashville: Vanderbilt University Press.
Svampa, Maristella (2020): Die Grenzen der Rohstoffausbeutung. Umweltkonflikte und ökoterritoriale Wende in Lateinamerika. Bielefeld: Bielefeld University Press. |
| Bemerkung |
Der Kurs wendet sich primär an Studierende des B.A.-Programms "Transkulturalität" und solche kunstgeschichtlicher Studienprogramme. Er ist aber auch offen für Studierende benachbarter Fächer. Im Falle einer Überbelegung würden diese ggfs. nachrangig berücksichtigt.
Der Kurs ist auf 25 Teilnehmende begrenzt. Die finale Zusage erfolgt in der 1. Sitzung im Rahmen der ersten Vorlesungszeitwoche, also am 14. Oktober 2025.
Die Lektüre und Diskussionen dieser Veranstaltung werden sich mit der Darstellung von ökologischer und verbundener sozialer Gewalt beschäftigen. Da kapitalistische extraktivistische Praktiken historisch wie heute eng verbunden sind mit Kolonialismus und Imperialismus bzw. deren strukturellem Erbe, werden diese Aspekte häufig im Vordergrund unserer Beschäftigung stehen. Einige der Werke, die wir behandeln werden, beschäftigen sich zudem mit indigenen und queeren Perspektiven auf diese Traumata und/oder beziehen politisch radikal Position. Die Beschäftigung kann daher emotional wie intellektuell herausfordernd sein. Sollten Sie dazu im Vorfeld unserer ersten Sitzungmehr mehr Informationen benötigen, melden Sie sich gerne bei mir: Franziska.Koch.2@hhu.de.
Als weiße, cisgeschlechtliche Frau und Akademikerin im deutschen Kontext bin ich mir über meine Privilegien und die Komplexität meiner Positonalität bewusst, insbesondere wenn meine Lehre und Forschung (im Kontext künstlerischer Praxis) kulturelle, geschlechtliche oder sonstige Zugehörigkeiten berührt, die ich selbst nicht teile. Ich versuche anderen Stimmen und Sichtweisen Raum zu geben, um eurozentrische Narrative herauszufordern und asymmetrische Machtverhältnis anzusprechen. Durch kritische Selbstreflexion, das Integrieren von Methoden aus der Critical Race Theory, den Critical Whitness Studies und aus der postkolonialen sowie dekolonialen Theoriebildung versuche ich marginalisierte Perspektiven zu stärken und integrative Dialoge zu fördern. Ich sehe meine Rolle als Verbündete und als solche verpflichte ich mich zu kontinuierlichem Lernen, sehe mich als verantwortlich für mein Handeln und trete für systemische Veränderungen ein. |